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St. Martin 1956
Wie alljährlich gestaltete sich der Martinszug durch den illuminierten Ort zum Sportplatz zu einem Erlebnis für Jung und Alt. Etwa 400 Menschen hatten sich um das helllodernde Feuer versammelt; einerseits um die Verlosung nicht zu versäumen, anderseits aber auch Anteil zu nehmen am Geschick des großen Heiligen, zu dessen Ehren der Fackelzug veranstaltet wurde.
In der Ansprache wurde betont, dass es uns nach des Jahres Sorgen und Arbeiten zu gönnen sei, bei Lampions und Freudenfeuer mit Musik und Gesang fröhlich zu sein. Wir könnten den Umzug und die vielerorts gefeierten Martinskirmessen als weltliches Erntedankfest auffassen. Dem Volkstümlichen Heiligen würden wir in etwa gerecht, wenn wir dem Gehalt des beliebten und unterwegs so freudige gesungenen Lieder untersuchen, welches die bekannteste Tat des Heiligen erzählt:
Ein selbstgefälliger junger Mann, der weder Hunger noch Kälte erfahren hat reitet wohlgemut seines Weges und trifft plötzlich und unerwartet auf die andere Welt des Elends und der Not. Der Bettler dringt in seine Welt mit den Worten ein: „ O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittre Frost mein Tod“! Martinus tut den anderen Schritt, der gar nicht so selbstverständlich ist (weder damals noch heute) und überlässt dem Ausgestoßenen alles Entbehrliche. Weil er nun glücklich und zugleich tief beschämt ist, hat er keine Zeit und ist auch nicht gewillt die Dankesworte dessen, der für ihn noch „der Andere“ ist, abzuwarten.
Erst in der Nacht wird ihm erst das Gebot und seine Erfüllung klar: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan! Dann blickten wir in das gefährlich lodernde, aber zu einem friedlichen Zweck entfachte Feuer und gedachten der verderblichen Feuerherde, die in diesem bewegten, weltpolitisch entscheidenden Wochen, von unverantwortlichen und machthungrigen Parteien im nahen Osten, in Polen und in Ungarn angezündet wurden. Am Suezkanal schossen Rauchpilze von britischen Bomben in die Höhe, in Algerien konnten die gefährlichen Zündstoffe noch nicht entschärft werden und in Ungarn brannte zu dieser Stunde Budapest an vielen Stellen als Notruf an die Welt. Ungarische Freiheitskämpfer sangen sterbend auf Trümmerhaufen ihre Nationalhymne.
Was würden wohl St. Martin und die heilige Elisabeth heute sagen und tun? – Es ist leicht zu erraten. Aus unserem Martinszug war also gleichzeitig eine Demonstration gegen Unrecht und Vergewaltigung im „Martinischem Geist“ geworden.




