Das Ende der Malberger Tellspiele

Zur Erinnerung an die Entstehung 1921/1922
16. Dezember 1931

Rings von hohen, waldbegrenzten Bergen eingeschlossen, in einem mit allen Reizen einer verschwenderischen Natur ausgeschmückten Talkessel an der Kyll liegt, an den Burgberg mit ragendem Schloss angeschmiegt, das hübsche Eifeldorf Malberg, 1 Klm. von dem Luftkurort Kyllburg entfernt. Vielen Tausenden im Regierungsbezirk Trier und weit darüber hinaus ist es bekannt durch die Aufführungen der „Eifeler Volksbühne e.V.“. Schillers Freiheitsdrama „Wilhelm Tell“ war es, das dieser Verein, kurz Tellgemeinde genannt, 43 Mal in den Jahren 1922, 1924 und 1929 auf einer Freilichtbühne zur Aufführung brachte.
Infolge der immer schlechter gewordenen Zeit lohnte es sich seit 1929 nicht mehr, das erhebende Spiel noch einmal aufzuführen. Daher ist die Tellgemeinde jetzt darangegangen, die hübschen Schweizerhäuschen und das Zuschauerzelt abzubrechen. Da möge denn noch einmal ganz kurz den einstigen Besuchern eine liebe Erinnerung wachgerufen werden.

 

Der Schauplatz der Handlung war wie dafür gewachsen, am Ufer der Kyll, zwischen mächtigen Buchen und Tannen, eine richtige Naturbühne. Mit steilen Sandsteinfelsen schloss er ab. Gegenüber am rechten Ufer des Flusses, war das große Zuschauerzelt, das oft 3 - 4000 Menschen fasste. Den Mittelpunkt der Bühne bildete der Edelsitz Attinghausens und davor ein reizendes Blockhaus, Stauffachers Haus. Vom Zuschauerplatz gesehen, stand rechts davon das Tellhaus mit Gärtchen und links, direkt an der Kyll, die Fischerhütte. Dahinter war ein im Entstehen begriffener Turm mit Mauergerüst, Zwinguri im Bau. Vor diesen Schweizerhäuschen spielten sich die Hauptszenen des Dramas ab.
Von den Almen zogen die Sennen und Sennerinnen mit Kühen und Ziegen zu Tal. Schnitter und Schnitterinnen folgten mit frohem Sang und zogen über die Brücke heimwärts. Fischerknabe, Fischer, Hirt und Alpenjäger begannen dann ihr Spiel. Baumgarten erschien und dann Tell und des Landenbergers Retter sprengten auf schnaubenden Rossen heran. So folgte nun Szene auf Szene. Und nun die Hauptpersonen: In der Titelrolle der Tell, ein markanter, echter Tell, der nicht spielte, sondern alles erlebte. Das Seelenleben, den inneren Kampf vor dem Apfelschuss und vor dem Mord des Keßler, alles das brachte er wahr hervor und riss Spieler und Zuschauer mit. Der kleine Walter, so frisch und keck trat er dem Tyrannen entgegen. Geßler, der Tyrann, herrisch saß er zu Ros. Stauffacher, Walter Fürst, der junge Melchtal, Rubenz, Berta und die anderen Frauen, wie natürlich spielten sie alle, sie erlebten. Attinghausens Tod war erschütternd. Alle gaben Sie ihr bestes her.

Geßler   

 

Wer am besten spielte, war schwer zu sagen, alle teilten sie das Lob.
Gewaltig wirkten die Waffenszenen: Attinghausens Dienstgesinde erschien, fröhliche Lieder singend, zum Frühstück beim Bannerherrn. Keßlers Jagdzug mit Jägern, Reisigen und Gefolge hoch zu Roß, mit wehenden Mänteln und glitzernden Harnischen und Lanzen. Das Volk auf dem Markte zu Altdorf vor dem Hut, bei der Gefangennahme Tells. Der Hochzeitszug zieht singend durch die hohle Gasse und beim Tode Keßlers wird der ganze Berg wieder lebendig. Wie rührend war es, wen nach der Apfelschussszene das gequälte Volk, kniend vor dem Muttergottesbilde am Baum, zu Maria flehte in dem sinnigen Lied: „Mutter, immer Trost bereite“.
Wie gespielt wurde, zeigte am besten die Zuschauermenge. Die atemlose Stille beim Apfelschuss und das Aufatmen, wenn der Apfel fiel. Manch stilles Tränlein wurde verdrückt oder verholen gewischt. Oft war es in Zeitungskritiken zu lesen, dass die „Eifeler Volksbühne“ überdurchschnittliche Leistungen geboten hat und dass die Aufführungen auf künstlerischer Höhe standen. Eine erlebte Tellaufführung wird manchen Zuschauer tiefer in die Kunst Schillers eingeführt haben, als lange Abhandlungen und Vorlesungen.
Das Ziel der Tellspiele war, wie die Spieler selbst jedes Mal ergriffen wurden von Schillers herrlicher Dichtung, so auch viele deutsche Herren zu erschüttern, auf dass immer mehr mit der Liebe zur engeren deutschen Eifelheimat gefördert und gemehrt werde die Liebe und Treue zum ganzen deutschen Vaterlande in der stillen Hoffnung, dass nach dieser trüben Zeit unserem gedemütigten Vaterlande wieder eine bessere freie Zukunft leuchte.

 

Vor Jahren warf der Sturm die bekannte Tellbuche um, Hochwasser und Eisgang rissen das halbe Zelt mit. Nun reißt eine arm gewordene Zeit die Reste des Zeltes und der Häuschen ab und wie im Trauer über das Schicksal unseres von Armut und Leid gequälten Volkes rüstet sich auch die zweite große Buche zum Sterben, aber der Platz, der mit Tannen neu bepflanzt wird und von alten, hohen Tannen umstanden ist, wird den Namen Tellplatz behalten und der lebenden Malberger Generation stets in lieber Erinnerung bleiben als ein heiliger Platz.
Einer späteren Generation bleibt es vorbehalten, vielleicht durch ein entsprechendes kleines Denkmal daran zu erinnern, dass ihre Vorfahren, wenn auch schlichte Arbeiter und Handwerker, doch Sinn und Liebe zu edleren Dingen hatten und ein einzig Volk von Brüdern war.

Bericht: Trierer Landeszeitung – 16.12.1931